Hort

 


Pädagogisches Konzept vom Hort
der Freien Waldorfschule Lippe - Detmold

 

 

1.    Allgemeine Beschreibung der Hortbetreuung

Der Hort (lat. hortus > Garten <) der Freien Waldorfschule Lippe-Detmold ist eine Einrichtung, die die aufsichtlosen Schulkinder der Klassen 1 - 5 betreut.

Er bietet eine Ergänzung und Unterstützung der Familien- und der Schulerziehung und hat einen fürsorgerischen und pädagogischen Charakter.

In Anlehnung an den Lehrplan, die Stundenplangestaltung und die Themenauswahl in den einzelnen Unterrichtsfächern der Freien Waldorfschule Lippe-Detmold wird im Hort versucht, dem rhythmischen Ablauf des Schuljahres, der Schulwochen und des Schultages Rechnung zu tragen und dem natürlich begründeten Wechsel von Ruhe, Aufnahmebereitschaft und Bewegungsdrang der Kinder in ihrer Individualität zu entsprechen. Dabei orientiert sich der Hort an den Grundzügen der Waldorfpädagogik unter Beachtung der menschenkundlichen Entwicklung der Kinder.

2.    Pädagogische Leitlinien, menschenkundliche Gesichtspunkte und Veränderungen der Kindesentwicklung im zweiten Jahrsiebt

Hauptkennzeichen des Lebensanschnittes zwischen dem siebten und neunten Jahr ist eine ausgeprägte Lernbereitschaft beim Kind, ohne das Bedürfnis Eigenurteile zu produzieren. Dieses Alter wird durch das Verlangen nach phantasieanregenden Darstellungen, Freude an rhythmischen Wiederholungen sowie ausgeprägte Gedächtnis- und Vorstellungskräfte charakterisiert.   

Die Orientierung an den Erwachsenen geht aber nicht mehr über den Sinneseindruck und die Nachahmung, sondern konzentriert sich im Wesentlichen auf die Worte und die Handlungen der Bezugspersonen. Grundfragen dieses Alters werden an den Erwachsenen gerichtet und lauten: "Kannst du mir zu einer Weltbegegnung verhelfen?" und "Siehst du mich wirklich?".                                                                     

Die Beantwortung dieser Grundfragen erfolgt nicht nur dadurch Welterfahrung zu vermitteln, sondern Welt selbst erfahren zu lassen. Es wird der Erwachsene als Autorität akzeptiert, der diesen Bedürfnissen entgegen kommt. Der Erwachsene kann viel am Kinde bewirken, wenn er es künstlerisch, z.B. durch Bilder, anspricht. Dabei ist mit Bildern nicht nur Sichtbares gemeint, es sind vor allem auch Wortbilder, also Erzählungen, die anschauliche Vorstellungen hervor rufen und Phantasiekräfte frei setzen.

Die ersten Schuljahre stehen noch im Nachklang des Nachahmungsalters. Das Bewusstsein des Kindes trennt noch nicht zwischen "Ich" und "Welt". Diese wird weniger als Umwelt, vielmehr als "Mitwelt" erlebt, in der keine scharfen Grenzen zwischen "tot", "belebt" und "beseelt" existieren. 

Mit etwa neun Jahren, d.h. im dritten Schuljahr, erlebt das Kind eine deutliche Absonderung. Es bemerkt eine stärkere Trennung zwischen sich und der Welt, zwischen sich und den Erwachsenen und den Mitschülern. Die Folge sind erste Einsamkeitserfahrungen.

Die Autorität des Erwachsenen, die vorher fast schon eine naturgesetzlich vorhandene Vorgabe des Kindes darstellt, wird nun unbewusst hinterfragt. Das Kind will nun erfahren, dass der Erwachsene aus einer Welt- und Lebenssicherheit spricht und handelt. Das Kind will nun verehren, was es vorher kindlich liebte, es will aber auch spüren, dass seine Verehrung berechtigt ist. In der Waldorfschule wird deshalb beispielsweise in der dritten Klasse in der Acker- und der Hausbauepoche die reale Weltbegegnung intensiviert, wobei der Mensch das Bezugszentrum bildet.

Ab dem zehnten bis zwölften Lebensjahr beginnt ein neuer Abschnitt der kindlichen Entwicklung: Der Körperbau verliert seine Harmonie, das Gliedmaßenwachstum nimmt deutlich zu, das Muskelsystem gewinnt an Bedeutung. Auf der seelischen Ebene entsteht eine deutliche Kritikbereitschaft. Außerdem tritt die Fähigkeit des kausalen Denkens auf. Dieser Entwicklung wird schulisch dadurch Rechnung getragen, dass sich der Blick stärker auf die Erforschung der unbelebten Natur und deren Gesetze sowie auf die Gliederung der Zeit in ihrem historischen Ablauf richtet.

Diese Entwicklungsphase endet dann in dem umfangreichen Symptomkomplex der Pubertät, sie stellt gleichzeitig das Ende des zweiten Jahrsiebts dar.

In  den letzten Jahrzehnten hat sich die Erfahrungswelt der Kinder deutlich verändert.

Es gibt zwar immer noch zahlreiche "runde" Kinder mit einer gesunden und harmonischen Entwicklung, doch nimmt der Anteil der Kinder mit Entwicklungsstörungen" zu.

Beispielsweise sind folgende Veränderungen in der Kindesentwicklung des zweiten Jahrsiebts zu beobachten:

  • Die Grob- und Feinmotorik ist schwächer ausgebildet, d.h. die Kinder sind oft ungeschickter als früher.

  • Kinder mit einer "modernen" Biographie benötigen oftmals eine intensive individuelle Ansprache, d.h. das Bedürfnis nach persönlicher Zuwendung ist größer.

  • Viele Kinder sind feinfühliger, empfindlicher und wacher als früher, aber sie sind oft auch kritischer gegenüber Erwachsenen.

  • Die soziale Wahrnehmung unter den Kindern nimmt ab, oft ist auch eine Distanzlosigkeit gegenüber den Erwachsenen zu bemerken.

  • Die Unterschiede zwischen den Mädchen und den Jungen werden auffälliger.

  • Immer mehr Kinder können beim Schuleintritt schon "lesen", andererseits ist gleichzeitig die Sprachentwicklung verzögert....

3. Pädagogische Aufgaben der Hortbetreuung

Ziel des Hortangebots ist neben der fürsorglichen Betreuung (z.B. Verpflegung u.a. mit Obst, Schnittchen, Mineralwasser, Tee sowie dem Sauberhalten der Räumlichkeiten) und der Aufsicht die Förderung der motorischen, seelischen und sozialen Entwicklung der Kinder.

Im Gegensatz zum schulischen Unterricht sind die pädagogischen Angebote des Horts für die betreuten Kinder grundsätzlich frei wählbar. Selbstverständlich können Hortkinder, die sich auffällig verhalten und sich nicht integrieren (lassen), von den Hortnerinnen zu einer sinnvollen Tätigkeit verpflichtet bzw. sogar vom Hort ausgeschlossen werden.

Um die kreativen und motorischen Fähigkeiten der Schüler zu stärken, werden vom Hort in Anlehnung an den jahreszeitlichen Ablauf Bastelarbeiten angeboten. Dabei können die Kinder etwas für ihren eigenen Bedarf basteln, es ist aber möglich nach dem sozialen Motto "Wir helfen anderen"  beispielsweise den Kinderbasar zu unterstützen. Grundlage dieses Angebots sind die im Verlag Freies Geistesleben erschienen Bastelbücher für Kinder aus der Reihe "Tipp der Bastelzwerg" von Angelika Wolk-Gerche.

Parallel dazu soll jedem Schüler auch die Möglichkeit zur Erledigung der Hausaufgaben in einem Ruheraum gegeben werden. Dabei wird er nach Möglichkeit von den Horterinnen aktiv unterstützt.

Außerdem können die Kinder - insbesondere an Regentagen - die angebotenen Brett- und Kartenspiele nutzen. Um dem Bedürfnis nach Ruhe zu entsprechen, können auch altersgemäße Geschichten vorgelesen werden. Dazu bieten sich für die sieben- bis achtjährigen Kinder die Erzählungen von Jakob Streit (z.B. "Tiergeschichten", "Kleine Biene Sonnenstrahl", "Tatatucks Reise zum Kristallberg") und die von Selma Noort ("Immer diese Dickköpfe", "Drei in voller Fahrt") an. Für die neun- bis zehnjährigen Schüler sind die Bücher "Aljoscha und die Bärenmütze" von Barbara Bartos-Höppner und "Brendans wunderbare Meerfahrt" von Erika Dühnfort pädagogisch wertvoll. Elf- bis zwölfjährige lesen oftmals gerne selbst, ihnen sollten z.B. die Bücher "Geier über dem Montsegur" oder "Flucht nach Delphi" von Inge Ott zur Verfügung stehen.

Zur Förderung des sozialen Verhaltens sollten auch Gruppenspiele im Außenbereich wie im Haus durchgeführt werden. Auf Grund zunehmender sozialer Defizite wird es immer wichtiger, den Kindern die Lernmöglichkeit zu bieten, sich in Gruppen angemessen zu verhalten. Eine gute Orientierungshilfe zur raschen Vorbereitung bietet das Buch "10 x 10 Sozialspiele" von Markus Baumgartner und Karl Ernst.

Im Hortgelände sollen die Kinder neben der Möglichkeit des freien Spiels auch durch geleitete Bewegungsspiele angeregt werden. In dem Buch "Was Kinder spielen" von Rudolf Kischnick finden sich dazu - nach Altersstufen geordnet - zahlreiche geeignete Beispiele.

Ein anderes Motiv der pädagogischen Hortgestaltung ist die Erziehung zur Liebe zur Natur und zur Achtung der Umwelt. Der Klassiker "Mit Kindern die Natur erleben" von Joseph Cornell sowie die "Natur-Kinder-Garten-Werkstatt" von Irmgard Kutsch und Brigitte Walden sollten die Grundlage der Hortarbeit in diesem Bereich sein.

4. Qualitätssicherung und -weiterentwicklung der pädagogischen Arbeit

Die pädagogischen Hortangebote sollen durch eine konstruktive und kontinuierliche Teamarbeit gesichert und weiterentwickelt werden.

Dazu

  • gibt es monatliche Arbeitstreffen der Hortnerinnen, in denen ein pädagogischer Erfahrungs- und Ideenaustausch sowie Rückbesprechungen und Vorplanungen stattfinden. Die Treffen werden protokolliert und von einer Person mit pädagogischen, organisatorischen und integrativen Fähigkeiten vorbereitet.

  • wird die Zusammenarbeit mit der Freien Waldorfschule Lippe-Detmold intensiviert. So sollte bei der Besprechung verhaltensauffälliger Kinder der betreffende Klassenlehrer eine Einladung erhalten. Außerdem können umgekehrt die Hortnerinnen bei Bedarf zu den Klassenkonferenzen eingeladen werden. Nach Möglichkeit sollte es einen Verbindungslehrer zwischen Schule und Hort geben, der den Hort in organisatorischen und pädagogischen Fragen unterstützt, berät und vermittelt.

 

Detmold im Januar 2007