Fremdsprachen

Der Fremdsprachenunterricht an der
Freien Waldorfschule Lippe-Detmold

Der früh einsetzende Fremdsprachenunterricht gehört zu einer der Besonderheiten der Waldorfpädagogik. An unserer Schule werden Englisch ab der 1. Klasse und Französisch ab der 2. Klasse unterrichtet, wobei die menschenkundlichen Erkenntnisse Rudolf Steiners zugrunde gelegt werden. Beim Fremdsprachenlernen soll der ganze Mensch umfasst werden und somit die drei Bereiche Leib, Seele und Geist angesprochen werden. In der Primarstufe wachsen die Kinder aus der Nachahmung und in voller Entfaltung ihrer kindlichen Sprachkraft in die andere Sprache hinein. Die ersten drei Jahre sind stark affektiv-emotional geprägt durch den hohen Anteil an rhythmischen Elementen, die mit Bewegungen unterstützt werden. Beim Rezitieren und Singen wird vornehmlich das Fühlen angesprochen und in der Bewegung arbeiten die Kinder aus ihren Willenskräften heraus. Das Lesen und Schreibenlernen beginnt im dritten Lernjahr, wenn sich die Gedächtnis- und Vorstellungskräfte bilden und die Kinder ein stärkeres Selbstbewusstsein ausbilden. Dies geschieht mit dem Überschreiten des Rubikons (9./10. Lj). Der Beginn des Schreibens ist somit der erste Schritt zum bewussten Erleben der anderen Sprache und veranlasst die Kinder zum Anschauen von Außen.

Kleine Kinder lernen ihre Sprache von der Bewegung her und aus der Empfindung, erst zuletzt stärker mit dem Sinnes-Nervensystem.

Der Fremdsprachenunterricht wird bis zu allen an unserer Schule angebotenen Abschlüssen unterrichtet, dem ZP-10-Abschluss (mit Englisch als schriftliches Prüfungsfach), dem Waldorfabschluss und dem Zentralabitur, bei dem Englisch als schriftliches und Französisch als mündliches Prüfungsfach belegt werden. Auch gibt es für die Schüler der Mittelstufe die Möglichkeit im Rahmen einer nachmittäglichen AG das französische Sprachdiplom DELF zu absolvieren.

Diese recht lange Spanne des Fremdsprachenlernens ermöglicht es, den Kindern Zeit zu lassen für die Entfaltung ihrer individuellen Fähigkeiten.

 

Ziele des Fremdsprachenunterrichts an der Waldorfschule

Ausgangspunkt ist wie in allen anderen Fächern der Schüler selbst als ein in der Auseinandersetzung mit dem Lernstoff sich individuell entwickelndes, aber doch altersgemäßen Gesetzen folgendes Wesen. Der Lernstoff unterstützt diese Entwicklung und kann durch seinen Gehalt die menschlichen Anlagen bis in die Tiefe fördern.

Gefragt werden soll: Was ist im Menschen veranlagt und was kann in ihm entwickelt werden?, und nicht allein: Was braucht der Mensch zu wissen und zu können für die bestehende soziale Ordnung?

Insofern ist das Hauptziel des Fremdsprachenunterrichts, dem Schüler eine Wesensbegegnung mit der anderen Kultur über die Sprache zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang ist berechtigt, was diesem Ziel dient, also neben dem kulturellen Erbe des Sprachraumes (z. B. in England Shakespeare, in Frankreich die Literatur des 19. Jahrhunderts) auch die aktuelle Kultur bis in die praktische Alltagssprache hinein, letzteres nicht als Selbstzweck, sondern in den genannten Kontext gebettet.

Die Schüler sollen lernen, sich in die Empfindungen anderer einzufühlen und Anteil zu nehmen. Der Fremdsprachenunterricht kann und soll somit Offenheit und Interesse am Fremden wecken und interkulturelles Lernen ermöglichen. Dazu gehört auch, dass der Schüler sich wohlfühlt, also bestimmte situative Rahmenbedingungen geschaffen werden. Spannung und Lösung, Erwarten und Genießen, Ernst und Humor in rhythmischem Wechsel ist im Sprachunterricht oft das entscheidende Mittel für den Lernerfolg.

 

Der Anfangsunterricht in beiden Fremdsprachen

Beim Schuleintritt wirken noch stark die Nachahmungskräfte aus dem ersten Jahrsiebt nach. Das Kind hat in den ersten drei Schuljahren große Freude an unmittelbarer Sinneserfahrung, Bewegung, Sprachmelodie und Reim. So erleben die Kinder die fremde Sprache durch den Lehrer in Laut, Klang und Rhythmus.

Die Kinder betätigen sich im Nachsprechen, in pantomimischer Bewegung, in chorischer Rezitation, Gesang und Tanz. Frage- und Rätselspiele legen schon erste grammatikalische Formen an und festigen das Erlebte für die spätere Bewusstmachung. Dabei werden im Verlauf von drei Jahren von vielen Kindern ein umfangreicher Wortschatz und viele nützliche Redewendungen erworben.

Dieser Unterricht ist vorwiegend einsprachiger Sprechunterricht.

Der Mittelstufenunterricht in beiden Fremdsprachen


Hat bis jetzt der Schüler die fremde Sprache mit allen Sinnen und dem Gefühl erfahren, so berücksichtigt der Unterricht in den Klassen 4 – 8 die zunehmende Fähigkeit des jungen Menschen, Regeln und Gesetze zu entdecken und diese als notwendig und hilfreich zu erleben.

In der 4. Klasse steht das Schreiben- und Lesenlernen im Mittelpunkt. Der Wortschatz knüpft an Erlerntes an, wird erweitert und geübt. Ab der 5. Klasse kommt die Sprachlehre (Grammatik) hinzu. Das Gelernte wird in einem Grammatik-Regelheft festgehalten, das bis zur 8. Klasse als Nachschlagewerk dienen soll. In der 8. Klasse üben die Schüler die Benutzung eines Wörterbuches. Natürlich wird weiterhin gesungen und rezitiert, daneben gewinnt das dramatische Element an Bedeutung.

Im Fach Französisch kommt in dieser Altersstufe ab Klasse 5 der Einsatz eines Lehrbuches in Betracht, um in der Spracherwerbsphase die Möglichkeit zu bieten, Inhalte und Strukturen nachschlagen zu können. Auch wird die Integration von Seiteneinsteigern von anderen Schulen dadurch wesentlich erleichtert.

Daneben arbeiten die Schüler mit Lektüren, die der Altersstufe vom Inhalt und vom Markierungsgrad her angemessen sind. Dabei ist es nicht das Ziel, ein wortgenaues Übersetzen zu üben, sondern das Verstehen des Textinhaltes und dessen Wiedergabe zu erüben. Dies geschieht in der Fremdsprache Französisch, wobei bei Bedarf auf die Muttersprache Deutsch gelegentlich zurückgegriffen werden kann.

Im Fach Englisch werden in den Klassen 7 bis 11 Lehrbücher eingesetzt.

Die Möglichkeit in der Mittelstufe fremdsprachliche Epochen zu unterrichten, bereichert die Arbeit in der Fremdsprache. Parallel zu der Lehrbucharbeit kann themenspezifisch (z. B. landeskundlich) gearbeitet werden. Diese Arbeit ermöglicht in einer sehr intensiven Lernphase die erworbenen Fähigkeiten zu vertiefen und bereitet effizient auf den Oberstufenunterricht vor.

Der Oberstufenunterricht in den Fächern Französisch und Englisch


Ab der 9. Klasse arbeiten die Schüler im Fach Französisch mit thematisch zusammengestellten Dossiers und Lektüren. Ziel ist es am Ende der Oberstufe, Originaltexte inhaltlich zu verstehen, sie in angemessener Weise wiederzugeben, thematische Aspekte aus ihnen zu analysieren und persönliche Stellungnahmen hierzu zu verfassen und zu vertreten. Dazu ist es unerlässlich, das grammatische System des Französischen zu komplettieren und anhand einer gedruckten Schülergrammatik in einem Gesamtüberblick zu wiederholen.

Hierzu gibt es einen verbindlichen Lehrplan für Französisch in den Klassen 9 – 12, der die thematische und strukturelle Progression detailliert aufführt.

Im Fach Englisch berücksichtigen die neuen Lehrwerke zunehmend die Rolle dieser Sprache als „lingua franca“, d. h. eine weltweit gültige Sprache der Kommunikation und Verständigung. Um auch unseren Waldorfschülern die gesamte Vielfalt beruflicher Möglichkeiten offen zu halten, sind diese Lehrwerke von Klasse 7-11 verbindlich geworden. Auf diesem Wege werden die Schüler darauf vorbereitet, die zentralen staatlichen Prüfungen zur Erlangung eines mittleren, bzw. eines Abiturabschlusses zu absolvieren.



So spannt sich mit Beginn des Anfangsunterrichts in der 1. bzw. 2. Klasse über den Mittelstufenunterricht bis zum Abschluss der Oberstufe ein Bogen, in dem der fremdsprachliche Lernstoff in immer anderer, altersentsprechender, verwandelter Form erarbeitet wird.

Dieser Aufbau des Sprachunterrichts bietet dem Schüler bei kontinuierlicher Mitarbeit die Möglichkeit, sich im Laufe der Schulzeit solide Kenntnisse in beiden Fremdsprachen zu erwerben, bzw. zu vertiefen.



Mattis, Böckelmann, Brede 2012